Man ist nicht umsonst Philologe gewesen, das will sagen, ein Lehrer des langsamen Lesens. (F.N.)
logos | 16 März, 2008 11:06
In Clemens Brentanos Erzählung „Die mehreren Wehmüller und ungarischen Nationalgesichter“ gibt es die Binnenerzählung eines kroatischen Edelmanns, „Das Pickenick des Katers Mores“. Dieser Kater war in Wahrheit ein türkischer Wilderer und Zauberer, der schließlich zu Tode kam.
Über die Erzählung vom Kater Mores sagt Lindpeindler, „es möge an der Geschichte wahr sein, was da wolle, so habe sie doch eine höhere poetische Wahrheit; sie sei in jedem Falle wahr, insofern sie den Charakter der Einsamkeit, Wildnis, und der türkischen Barbarei ausdrücke, sie sei durchaus für den Ort, auf welchem sie spiele, scharf bezeichnend und mythisch und darum dort wahrer, als irgendeine Lafontainesche Familiengeschichte. Aber es verstand keiner der Anwesenden, was Lindpeindler sagen wollte...“ (Meistererzählungen der deutschen Romantik. Hrsg und kommentiert von Albert Meier u.a. München: dtv 1985 [dtv 2147], S. 230)
Es folgt dann Devilliers Erzählung von den Hexen auf dem Austerfelsen, die genauso katzenhaft-dämonisch ist, aber eine natürliche Erklärung findet; dadurch wird „die Erzählung des Kroaten in ihrer Schauerlichkeit sehr gemildert“ (S. 234). Die letzte Geschichte ist Baciochis Erzählung vom wilden Jäger; diese wird zum Schluss hin mehrfach unterbrochen und endet so, dass die Gestalten der Erzählrunde die Figuren der Geschichte sind.
Wir haben also drei Variationen der poetischen Wahrheit: die mythische, die rationale und die auf die Hörer bezogene. Das alles wäre noch genauer zu untersuchen; vorgreifend darf man schon sagen, dass die dritte Art das wahrhaft romantische Erzählen verkörpert, nicht die Schauergeschichte des Kroaten. In der zweiten Erzählung wird gegenüber der ersten das Schauerliche rational geklärt; ähnlich wird in der dritten der wilde Jäger entmythologisiert - dann aber werden Schluss und Wahrheit der Erzählung in den Figuren der Zuhörer und in ihrer Versöhnung gefunden.
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Wenn man die Geschichtenerzähler verstehen will, muss man sehen, dass sie zwischen den malenden Wehmüllern und dem musizierenden Zigeuner stehen.
Von den Malern gibt es zwei, Herrn Wehmüller und Herrn Froschhauer. Wehmüller hat 39 ungarische „Nationalgesichter“ gemalt, mit denen es folgende Bewandtnis hat: Es sind 39 Portraits von Ungarn, „welche Herr Wehmüller gemalt hatte, ehe er sie gesehen“ (S. 214). Das ist eine sehr deutliche Kritik an der „Kunst“ des Malers. Die Leute können sich das Portrait aussuchen, das ihnen gefällt; „er fügte sodann noch, durch wenige Meisterstriche, einige persönliche Züge und Ehrennarben, oder die Individualität des Schnurrbarts des Käufers unentgeltlich bei, für die Uniformen aber, welche er immer ausgelassen hatte, musste nach Maßgabe ihres Reichtums nachgezahlt werden“ (S. 215). Dieses Verfahren ist für den Maler befriedigend; denn er malt im Winter die Leute „nach Belieben“ bequem zu Hause und verkauft die Bilder in der schönen Jahreszeit. Das Geschäft bestimmt das Produktionsverfahren, von Kunst ist nicht die Rede; diese Dominanz des Geschäftes kommt in dem Vergleich zum Ausdruck, dass die Leute sich ihr Portrait „wie einen Weck auf dem Laden“ aussuchen können (S. 215). Deshalb ist die Bezeichnung „Kunstreise“ objektiv ironisch zu lesen.
Auch die Beschreibung des Konkurrenten Froschhauer, der sich ohne weiteres als Wehmüller verkleiden kann, unterstreicht die ironische Zeichnung der Maler durch den Erzähler; der malt im Gegensatz zu Wehmüller die Uniformen vor und lässt sich die Gesichter bezahlen, wofür der Erzähler ihn zur „entgegengesetzten“ Malerschule zählt (S. 215); von Malerschule kann aber keine Rede sein, nur von einer Produktionstechnik.
Von Wehmüllers „Meisterhand“ werden demgemäß Soldaten gemalt (S. 214), um sich „in dem Andenken mannichfaltiger schöner Freundinnen zu erhalten“. Die Uniform hat die Soldaten vor anderen Männern ausgezeichnet, und so kommt es auf ihr Portrait als Individuen auch nicht an. Individualität ist die des Schnurrbarts (S. 215).
Der Erzähler lässt seine Kritik durch den Grafen aussprechen: Der falsche Wehmüller „sei wohl nur eine Strafe Gottes für den echten Wehmüller, weil dieser alle Ungarn über einen Leisten male, so gebe es jetzt auch mehrere Wehmüller über einen Leisten“ (S. 218). Wie Recht der Graf hat, sieht man daran, dass Wehmüller die von seinem Konkurrenten gemalten Bilder nicht von seinen eigenen unterscheiden kann (S. 219 f.: „grade, wie er sie selbst zu malen pflegte““).
Hinter dem Namen „Wehmüller“ verbirgt sich der Dichter W(ilhelm) Müller (1794 – 1827), der sogenannte Griechenmüller, den Brentano hier als einen in der Art Wehmüllers dichtenden Verseschmied verspottet.
Das Gegenbild solchen Kunstbetriebs ist der musizierende Zigeuner Michaly, der so spielt, dass niemand widerstehen kann und alle still werden oder alle tanzen. Lindpeindler lobt ihn als „ursprünglich“ spielend und hat damit Recht; denn der Zigeuner weigert sich, ihm das Lied in die Feder zu diktieren; „ich wüßte es auch jetzt nicht mehr und wenn Sie mir den Hals abschnitten; aber wenn ich einmal wieder eine schöne Jungfer betrübt habe, wird es mir auch wieder einfallen.“ (S. 231) Hier zeigt sich, dass der Ursprung wahrer Kunst im Leben, nicht im Geschäft liegt.
Zwischen den doppelten Malern und dem einzigen Musiker stehen die drei Geschichtenerzähler, die als Ich-Erzähler schon deutlich über dem schematisch malenden Wehmüller stehen. Dabei geht die Geschichte Baciochis in die Wirklichkeit der zuhörenden Gesellschaft über; bei der dritten Unterbrechung Baciochis bekennt Devillier: „Ja, Herr Baciochi, ich war der wilde Jäger...“ (S. 248). Die in der Geschichte erzählte Liebesbegegnung Mitidikas mit ihrem Jäger vollendet sich dann in der Wirklichkeit: „Unterwegs gab es viele Aufklärungen und Herzensergießungen. Devillier und Mitidika hatten ihre Neigung bald zärtlich erneuert...“ (S. 254 f.). - Auch der scheinbar auktoriale Erzähler Brentanos erweist sich am Ende als Ich-Erzähler, der weitere Geschichten wiedergeben will, „wenn ich Lust dazu habe“ (S. 257).
„Das poetologisch-ästhetische Programm romantischen Erzählens“ hat Ernst Weber ausreichend beschrieben (a.a.O., S. 404 ff.). Ich möchte nur noch nachtragen, was ein Gespan ist und was die hier entmythologisierte Gestalt des wilden Jägers bedeutet:
Ein Gespan oder auch Gauleiter (slawisch „župan“) ist (nach wikipedia) ursprünglich ein mittelalterlicher Stammesführer im west- und südslawischen Raum. Später wurden die Gespane zu lokalen Obrigkeiten mit bestimmten Befugnissen in Verwaltung, Militärangelegenheiten und Rechtsprechung (manchmal als „Fürsten“ übersetzt, eigentlich: Richter); in Kroatien gab es das Amt bis 1918.
http://www.sungaya.de/schwarz/allmende/wildjagd.htm (der wilde Jäger)
P.S. Brentanos Erzählung wäre in der Sek II eine Alternative zu Eichendorffs Taugenichts, der aber noch romantischer als Devillier und Mitidika nach der Hochzeit gleich wieder aufbrechen will - nach Italien natürlich: eine weitere Drehung an der romantischen Schraube.
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