Man ist nicht umsonst Philologe gewesen, das will sagen, ein Lehrer des langsamen Lesens. (F.N.)
logos | 02 September, 2008 21:15
Mit diesem Stichwort bzw. mit „Epochenumbruch 19./20. Jahrhundert“ wird ein thematischer Schwerpunkt des Lehrplans Deutsch der Sekundarstufe II von NRW umschrieben. Deshalb ist es nötig, diesen Umbruch zu verstehen - aber nicht nur deshalb, sondern auch aus dem Grund, weil mit diesem Umbruch „die Moderne“ beginnt, vereinfacht gesagt. Ich orientiere mich an Hermann W. von der Dunck: Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts, Bd. I (dt. 2004), den es in der BpB preisgünstig zu kaufen gibt oder gab, Kap. II: Das Ende einer Epoche, S. 76-243. Was Herr von der Dunk auf 165 Seiten schreibt, kann man natürlich nur verkürzt auf einigen Seiten zusammenfassen; ich schreibe im Indikativ, müsste aber als Referent eigentlich durchweg Konjunktiv I benutzen.
Das 19. Jahrhundert endete „eigentlich“ erst 1914 mit dem Beginn des Weltkriegs, wenn das Jahr 1900 auch als Schwelle empfunden wurde: gigantische Weltausstellung in Paris. Was änderte sich in dieser Zeit? Die Lebensverhältnisse in den Städten änderten sich; durch neue Verkehrsmittel konnte man am Wochenende den tristen Städten entfliehen. In den Städten wuchsen riesige Mietskasernen, in speziellen Vierteln errichtet. Schulpflicht und zunehmende Geburtenregelung führten zu einer Verbesserung der Lebensumstände. - Die Könige waren dabei, ihre Macht zu verlieren und mehr oder weniger Bilder der Macht zu sein, in den verschiedenen Ländern aber unterschiedlich stark. Der Adel verlor an Einfluss; er war dem alten Prinzip der Ehre verpflichtet, während das neue Prinzip „Leistung“ hieß; die reichen Brüger näherten sich dem Adel an. - Die Ständegesellschaft löste sich auf, es gab eine neue Elite mit politischen oder Verwaltungsaufgaben; es bildete sich eine „Intelligenz“ heraus. Insgesamt kam dem Nationalismus als Bindeglied große Bedeutung zu, er war eine Art neuer Religion. Die Situation der Arbeiter hatte sich verbessert, sie wandten sich großenteils sozialistischen Partien zu - doch blieben die verschiedenen Sozialismen national bestimmt; die Kirchen versuchten, brave christliche Gewerkschaften zu gründen.
Die Kirchen unterlagen der Säkularisierung: Der Kirchenbesuch ging zurück, die Kirchen verloren öffentliche Aufgaben an den Staat, im Inneren begehrten modernder Denkende gegen die traditionellen Dogmen auf. Es kam eine Frauenbewegung auf, die den Zugang der Frauen zum öffentlichen Leben, zum Studium und zu Teilnahme an Wahlen forderte. Das neue Jahrhundert stand auf besondere Weise im Zeichen der Jugend; der Vater-Sohn-Konflikt erhielt in der Psychologie Freuds eine zentrale Bedeutung (Ödipuskomplex). Eine pädagogische Reformbewegung wollte zur Charakterbildung und zur freien Selbstentfaltung des Einzelnen beitragen, statt aus ihm nur einen braven, nützlichen Staatsbürger zu machen.
Es entstand auch eine neue Jugendbewegung, weil Jugend sich als eine besondere Lebensphase etablierte und weil „die Jugend“ Trägerin einer hoffnungsvollen Zukunft war, die sich von der harten Welt der Erwachsenen unterschied. Es gab natürlich die kirchlichen Vereine und auch die vormilitärischen Pfadfinder, aber der Wandervogel war die richtige Jugendbewegung: Raus aus der Stadt, Gemeinschaft und Natur auf einfachste Weise erleben! Zudem kam mit der Idee des Sports eine Demokratisierung der Körperkultur auf.
In der Unterhaltungsliteratur kam die Kunst auch zur Menge; der Comic wurde erfunden, Kabarett, Revue und Film waren Kunstformen für die vielen - die elitäre Entwicklung der Kunst kriegten nur wenige mit.
Gegen die kapitalistische Industriegesellschaft wurde „Natur“ neu gesehen und gesetzt: das Widersinnige, Zerrissene der menschlichen Existenz. Raum und Zeit wurden neu erfahren: Beschleunigung als Prinzip der industriellen Produktion, Zerbrechen der einheitlichen Zeit- und Raumvorstellungen durch die Physik und die Erforschung fremder Völker. Das seit der Aufklärung bestimmende autonome Subjekt wurde relativiert als Lebens- und Triebwesen, als geschichtlich und sozial determiniert: Nietzsche, Bergson, Dilthey (Vitalismus, Lebensphilosophie).
Die neue Realitätsvorstellung in den Künsten:
Raum und Zeit waren problematisch geworden. Die Romanautoren J. Conrad, M. Proust, J. Joyce, Th. Mann, F. Kafka führten neue Weise des Erzählens ein - die Zeit war nicht mehr der Ordnungsrahmen eines kontinuierlich ablaufenden überschaubaren Geschehens. Im Drama räumten Strindberg, L. Pirandello, G. Kaiser, Schnitzler und F. Wedekind mit der bürgerlichen Welt- und Wertordnung auf. Die Fotografie hatte das Abbilden unternommen - so sahen sich die Maler in ihrer Existenz herausgefordert: Picasso entwickelt eine multiperspektivische Darstellung der Personen; die Dinge wurden in ihre Grundbestandteile oder -formen zerlegt und wieder zusammengesetzt; Kandinsky malte 1910 das erste abstrakte Bild. In Italien wurde das Manifest des Futurismus veröffentlicht: ein Kult des Tempos, der Kraft, der neuen Zeit. Bereits Mallarmé hatte das Wort befreien wollen, von der Bindung an die Dinge lösen, dem grafischen Zeichen eine eigene Bedeutung zuerkannt. In der Architektur ging die Veränderung langsamer vor sich (A. Loos), in der Dekoration entstand der Jugendstil. Die Musik löste sich aus dem traditionell harmonischen Rahmen (Schönberg: Zwölftonmusik), es kamen mit dem Jazz Elemente „unzivilisierter Völker“ in die Musik, Strawinsky erprobte Neues.
Diese Bewegung war nicht ohne Widersprüche: Man wollte weg von der Zivilisation und ihren Zwängen, betrieb das aber mittels einer Vergeistigung, die nur wenigen zugänglich war, und im Verbund mit den Wissenschaften. „Die Sehnsucht nach dem mythischen Erleben stand in direktem Zusammenhang mit einer Zukunftsgläubigkeit, mit der die Rebellen sich als Erben des neunzehnten Jahrhunderts erwiesen.“
Die Künstler verstanden sich messianisch - als Profeten einer neuen Zeit oder Künder des großen Untergangs; insgesamt waren sie eher „links“ eingestellt. Überall wurde eine traditionelle Ordnung in Frage gestellt. Der vertraute Himmel der Kirchen wie des Erlebens verschwand, die hergebrachte soziale Ordnung (oben/unten, Adel/Bürger/Arbeiter, Mann/Frau, Erwachsene/Jugend/Kinder) ging in die Brüche, die religiöse Sinndeutung verlor an Glaubwürdigkeit - die Kunst war nicht mehr der Welt zugewandt, sondern beschäftigte sich weithin mit sich selbst, mit ihrem Material und seinen Möglichkeiten: Der Rezipient musste selber zusehen, was ihm noch Kunst war und welchen Sinn er damit verbinden konnte.
Fazit: Man sollte sehen,
1. dass die Literatur in einem großen Umbruch aller Künste stand;
2. dass dieser Umbruch auch seine sozialen, politischen, wissenschaftlichen Entsprechungen (oder Gründe?) hatte;
3. dass es natürlich Anknüpfung an die Tradition (Rousseau, Aufklärung) und innere Widersprüche der neuen Bewegungen gab;
4. dass es „den Umbruch“ nicht gab - es waren oft nur kleine Gruppen, zumindest in der Kunst, die solche Umbrüche vollzogen und verstanden.
Für mein (N.T.) Empfinden versteht man die neuen Entwicklungen in der Literatur am besten, wenn man parallel die Entwicklung in der Malerei verfolgt: Die ist anschaulich zu (be)greifen; da kann man etwas intensiver hinschauen, ohne gleich das Ganze der Kulturgeschichte packen zu müssen. Aber die Schlagworte Naturalismus / Symbolismus / Impressionismus / Expressionismus/ Jugendstil sollte man schon „drauf haben“ und inhaltlich ein bisschen füllen können.
Der Begriff „Epochenumbruch 19./20. Jahrhundert“ (auch: der E. um 1800) ist eine Erfindung der Leute, die die Richtlinien NRW und das segensreich darauf abgestimmte TTS bei Cornelsen machen. Wenn man in die Wörterbücher schaut, findet man
1. im Metzler Lexikon Literatur (2007) die Begriffe „Avantgarde“ und „Moderne“,
2. im Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie (2004) die Begriffe „Avantgarde“, „Epochenschwelle“, „Moderne“ und „Modernismus, Literaturtheorien des“.
Im Metzler Lexikon Literatur findet man Folgendes:
Die Avantgarde ist ein Teil der Moderne im engeren Sinn (etwa ab 1900); den Beginn markiert das Futuristische Manifest F.T. Marinettos (1909). Abgelehnt wird Kunst als Imitation (Nachahmung der Natur oder der maßgebenden Autoren); es werden die Techniken der Montage und der Collage eingesetzt. Die Utopie einer neuen Kunst meint die Überwindung des Grabens zwischen Leben und Kunst und meint damit die Utopie einer neuen Gesellschaft.
Der Begriff der Moderne ist unklar; er kann die „Neuzeit“ seit der Renaissance meinen, die mit der Frühromantik beginnende Moderne (etwa seit 1795) oder eben die Moderne ab 1900. Diese letzte, an das Fin de Siècle geknüpfte Moderne kämpft gegen den Naturalismus und für eine Autonomie der Kunst und Literatur, für ihre Unabhängigkeit von der industriellen Zivilisation und der gesellschaftlichen Realität. Neben den besonderen Ausprägungen in Berliner, Wiener und Münchener Moderne stehen die „Richtungen“ oder Bewegungen des Ästhetizismus, Symbolismus, der Décadence, der Neuromantik und Neuklassik - und dann eben die bereits genannte Avantgarde.
Nachtrag:
In einem bemerkenswerten Aufsatz über „Die ästhetische Moderne und ihre Ursprünge im Okkulten“ (Untertitel des Aufsatzes „Totale Innerlichkeit“, SZ 24. November 2009) hat Thomas Steinfeld vorgeschlagen, gerade die Wende zur Abstraktion als „Konsequenz einer entschlossenen Esoterik“ zu verstehen. Gestützt auf viele Buchtitel (u.a. Christoph Türcke: Fundamentalismus, 2003) findet er hinter der entschieden modernen Abstraktion die Hoffnung, „sich zu einer totalen Innerlichkeit vorkämpfen zu können, zu Begegnungen von Seele mit Seele von so unmittelbarem Charakter, dass nichts in der herkömmlichen, irgendwie ‚figurativen’ Kunst sich damit hätte messen können“. Das sei ein religiöses Motiv, Ausdruck einer Theologie ohne Kirche.
Je mehr jedoch die Künstler sich in diese Hoffnung verrannten, desto mehr sahen sie sich dazu „gezwungen zu tun, was sie zuvor unbedingt vermeiden wollten: sich zu erklären, zu Worten und Texten zu greifen, zu verdeutlichen, was doch von allem Anfang an hätte evident sein sollen“. Denn die neue Wahrheit habe sich nicht geoffenbart, die Hoffnung auf den Ursprung der Kunst im Glauben an das Überirdische habe getrogen.
Die derzeitige Fülle der Publikationen über den Zusammenhang zwischen Okkultismus und Moderne zeige, dass hier etwas historisch zu werden beginnt; dass die ästhetische Moderne nach hundert Jahren ihrem Ende entgegengeht. – Das Gleiche ergibt sich meines Erachtens aus der Tatsache, dass „der Epochenumbruch um 1900“ in NRW Abiturthema bzw. ein leitender Aspekt für Themen im Fach Deutsch ist. Wortreich dürfen Schüler sich (in der Nachfolge von Hofmannsthals Chandos-Brief) darüber auslassen, welch gewaltige Sprachnot die Menschen bedrängt – ohne dass sie verstanden hätten, welche Wünsche sich hinter dieser „Sprachnot“ verbergen. (29.11.2009)
Marc Deimel | 18.09.2008, 21:19
Peter Meiser | 17.02.2009, 23:23
Nunja, ich konnte nicht wirklich viel damit anfangen... Viel zu ungenau!
Isabel W. | 14.04.2009, 17:24
Wichtige Punkte werden präzise dargestellt!
Für mich persönlich war Ihre Zusammenfassung hilfreich.
Nicole | 20.04.2009, 18:06
war super hilfreich
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Herzlichen Dank für Ihren Kommentar und die Zusammenfassung, die für meine Unterrichtsvorbereitung sehr hilfreich war.
Marc Deimel