norberto42: gelesen

Man ist nicht umsonst Philologe gewesen, das will sagen, ein Lehrer des langsamen Lesens. (F.N.)

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Ibsen: Ein Volksfeind - Analysen

logos | 11 Februar, 2009 22:41

In Kl. 10 des Gymnasiums habe ich gern Ibsen: Ein Volksfeind, mit den Schülern gelesen; bei diesem Drama besteht immerhin die Chance, dass die Schüler es verstehen (im Unterschied zu Schiller: Wilhelm Tell, v.a. wenn man Schiller in Kl. 8 liest!).

Bei Reclam gibt es seit 1993 eine Übersetzung von Christel Hildebrandt, die eine ältere Übersetzung abgelöst hat. Das wäre weiter nicht schlimm, wenn Frau Hildebrandt nicht schlampig gearbeitet hätte: Bei ihr heißt die linke progressive Zeitung "Volksnachrichten", während sie in der älteren "Volksbote" hieß - witzigerweise heißt sie in der neuen Übersetzung auf S. 30 auf einmal auch "Volksbote": Frau Hildebrandt hat schlecht abgeschrieben, was angesichts der Übersetzer-Honorare verständlich, aber für die Reclam-Redaktion unverzeihlich ist. Nach dieser erbaulichen Vorrede die Analysen - das Drama ist fürs Gymnasium zu empfehlen (RUB 1702, 1993 = 1999):

Szene: Hovstad stachelt Tomas auf           
Eine zentrale Szene beginnt im zweiten Akt, als Hovstad zu Stockmann kommt, um ihn in seine politischen Pläne einzuspannen (S. 28 ff.). Tomas Stockmann hat in einem Brief von einem Institut bestätigt bekommen, dass das Wasser des Kurbads verseucht ist (S. 20 ff.). Er hat noch am gleichen Abend seinen Bruder, den Amtsrat und Vorsitzenden der Kurbadverwaltung, darüber informiert; dieser hat jedoch die Unterlagen zurückgeschickt und seinen Besuch für den nächsten Vormittag angekündigt (S. 25).
     Tomas liegt einzig daran, dass die Sache in Ordnung kommt (S. 26, Z. 1 f. - künftig geschrieben: 26/1 f.); die Besucher, die am (nächsten) Vormittag zu ihm kommen, sehen allesamt über den medizinische Bedeutung hinaus andere Aspekte von Stockmanns Entdeckung, wodurch diese zu einem Politikum wird. Im Gespräch offenbart Hovstad, dass er die Entdeckung zum Kampf gegen die Stadtverwaltung nutzen will (S. 30); bereits am Vorabend war deutlich geworden, dass der Amtsrat zu den offenbar sozialdemokratischen „Volksnachrichten“ ein gespanntes Verhältnis hat (S. 8 f.).

Als Morten Kiil gegangen ist (S. 28), deutet Hovstad an, dass er zum Thema „Wasserwerk“ noch einiges zu sagen hat (28/35 f.), weil „da noch eine ganze Menge anderer Dinge mit“ dranhängen (29/3 f.). Einen ersten Vorstoß zu seinem Ziel unternimmt er, als er eine Bemerkung Stockmanns über den Sumpf im Moelletal aufgreift und metaphorisch vom „Sumpf, auf dem unser ganzes Gemeindeleben basiert“ (29/18 f.), spricht. Als Stockmann ihn nicht versteht, erklärt er, was er politisch mit dem Bild meint: dass die Stadt von den hohen Beamten beherrscht wird (29/22 ff.). Stockmann widerspricht ihm einmal sachlich und lobt dann die Spitzen der Stadtverwaltung als „tüchtig und umsichtig“ (29/32). Hovstads Gegenbeispiel (Fehler in der Anlage der Wasserleitung) muss jener akzeptieren, tut es aber ab, weil ja die Renovierung erfolgen werde.
     Da bringt Hovstad erstmals sein Anliegen vor, indem er als Bedingung der   Renovierung nennt: „Ja, wenn die Presse eingreift...“ (30/4); Stockmanns Einwand, das sei nicht nötig, übergeht er, indem er einfach seine Absicht kundtut, „mich der Sache anzunehmen“ (30/8 f.). Auf Stockmanns Frage begründet er sein Vorhaben mit seinem alten politischen Ziel, mittels des „Volksboten“ (!) gegen die Herrschaft der alten Dickköpfe zu kämpfen (30/11 ff.); um die Existenz dieser Absicht gibt es ein kleines Geplänkel, in dem der Arzt gegen Hovstad u.a. sagt, dass man der Stadtverwaltung doch dafür Dank schulde, dass es das Bad gibt.
     Hovstad unternimmt einen neuen Anlauf, indem er ganz allgemein von der Gelegenheit spricht, mit dem „Märchen von der Unfehlbarkeit der Regierenden“ aufzuräumen (30/27 f.) - ein aufklärerisches Anliegen, dem der Arzt bedingungsweise zustimmt („Wenn es ein Aberglauben ist...“ 30/32 f.), ebenso wie der These, dass man im Kampf um die Wahrheit vor nichts zurückschrecken darf (31/1 f.); doch kommen ihm plötzlich in dieser Sache Bedenken (31/4), die er aber nicht äußern kann, weil Hovstad ihn unterbricht, indem er auf sich selbst zu sprechen kommt.
     Zuerst gibt er dem von ihm vermuteten Bedenken Stockmanns abgeschwächt Recht (Egoismus, Machtgier des Redakteurs, 31/5 f.); dann beruft er sich auf seine einfache Herkunft und begründet damit sein Ziel, bei dieser Gelegenheit (Verseuchung des Wassers) für die „Befreiung der Vielen, der Kleinen, der Unterdrückten“ zu kämpfen (31/20 f.). Er schließt mit dem Hinweis auf seine Absicht, „mein gutes Gewissen“ dabei zu behalten (31/25 f.). Genau diesem menschlichen Ziel stimmt der Arzt sofort zu, doch kommen ihm wieder Bedenken bezüglich der politischen Aktion; auch diesmal kann er sie nicht äußern, weil sie von Aslaksen unterbrochen werden (31/27), womit eine neue Szene beginnt.
     Als Aslaksen wieder gegangen ist (35/11) und Hovstad ihn als einen im „Sumpf“ Watenden beschimpft, während Stockmann ihn verteidigt, greift Hovstad die ofensichtliche Vorliebe des Arztes fürs aufrechte Handeln auf  und behauptet, ihm selber sei es am wichtigsten, „als verläßlicher, selbstbewußter Mann dazustehen“ (35/28). Damit trifft er den Nerv von Stockmanns Selbstverständnis (vgl. S. 48 f. und Petras Einstellung, S. 19); als er andeutet, man könne der ganzen Stadt nun die Gelegenheit geben, sich „zu ermannen“ (35/34) und von der Autoritätsgläubigkeit zu befreien, stimmt Stockmann ihm zu - nicht ohne darauf hinzuweisen, dass er zuerst noch mit seinem Bruder sprechen will. Hovstad prescht vor und kündigt an, er wolle schon einen Artikel schreiben für den Fall, dass der Amtsrat sich widersetzt; für diesen undenkbaren Fall stimmt Stockmann einer Veröffentlichung zu (36/12-14) und gibt ihm sein Manuskript leihweise zum Lesen. Hovstad akzeptiert die Bedingungen des Arztes und geht, während dieser überzeugt ist, dass Hovstad sich nicht werde bemühen müssen.

Hat Hovstad sein Ziel erreicht? Als er das Haus Stockmanns verlässt, hat er einen großen Schritt auf sein Ziel hin getan; denn er kann jetzt nicht nur das Manuskript lesen, sondern verfügt auch in gewisser Weise darüber. Außerdem hat er für den äußersten Fall die Erlaubnis, das Manuskript zu drucken. In III wird sich erweisen, ob und wie er diese Erlaubnis zum Kampf nutzen wird.
     Dr. Stockmann hat sich der politischen Agitation verweigert, aber allen aufklärerischen Idealen zugestimmt und ist auf die Idee des aufrechten Mannes direkt „angesprungen“, also auf Ideale des Charakters, der Lebensführung. In seinem Streit mit Peter wird dadurch, dass Tomas das Manuskript aus der Hand gegeben hat, die einvernehmliche Lösung unmöglich (S. 41); Tomas fühlt sich sogar dadurch, dass er die Presse hinter sich weiß, ermutigt, den offenen Streit mit seinem Bruder aufzunehmen (S. 47). Dass dieser Streit ihn beruflich ruiniert und dass Hovstad ein besonders infamer Gegner wird, kann nach diesem Gespräch mit Stockmann niemand wissen, auch wenn Hovstad selber zugegeben hat, dass er egoistisch und machtgierig ist (31/6), jedoch nicht mehr als die meisten (!) anderen Menschen - sagt er.


Eine Szenenanalyse vorbereiten (S. 37 ff.)          
Wenn man eine Szene oder ein Gespräch untersuchen (analysieren) will, muss man vorab klären,
- wie der Stand des Geschehens vor dem Gespräch ist,
- welche Absichten die am Gespräch Beteiligten verfolgen (vor allem derjenige, welcher das Gespräch herbeiführt);
dann kann man untersuchen, was im Gespräch geschieht (Begriff des Sprechaktes nuss bekannt sein!)
und was das Ergebnis des Gesprächs ist.
Hier soll die Hauptarbeit vorbereitet werden: untersuchen, was im Gespräch geschieht. Das kann man am besten, wenn man die einzelnen Gesprächsabschnitte als Teile des Ganzen begreift. Wie das gehen kann, soll am Beispiel des Gesprächs zwischen Peter und Tomas Stockmann in Ibsens „Ein Volksfeind“ (RUB 1702, 1993, S. 37 ff. - nur der erste Teil bis S. 41) vorgeführt werden.

Der Stand des Geschehens ist folgender:
Tomas hat die Qualität des Wassers im Kurbad untersucht und seinen Bruder über die Ergebnisse noch am gleichen Abend informiert (S. 20 ff.); dieser hat ihm seinen Bericht zurückgeschickt und für den nächsten Vormittag sein Kommen angekündigt.
Er wird bereits von Tomas erwartet (37/24 f.); dieser ist vorab von mehreren Leuten in seiner Absicht (26/1 f.), für die Renovierung des Bades einzutreten, bestärkt worden - Hovstad wollte ihn sogar zum politischen Kampf anstacheln. Peter will dagegen darauf dringen, aus Kostengründen möglichst wenig zu renovieren. Dass die Brüder in einem angespannten Verhältnis zueinander stehen, ist seit ihrer ersten Begegnung bekannt (S. 6 ff.).

Vorbereitung der Analyse: Gesprächsabschnitte erfassen
Zuerst begrüßt man sich; Peter nennt den Anlass seines Besuchs und bittet dezent seine Schwägerin, ihn mit seinem Bruder allein zu lassen (bis 38/3).
     Dann beginnt er zu erkunden, wie Tomas die Sache sieht (bis 38/15) und was dieser vorschlägt, um Abhilfe zu schaffen (bis 38/31); dabei ist sein Ton häufig gereizt (z.B. 38/5 f.; 38/17 f.). [Mit dem Hinweis darauf, er wisse keinen anderen Ausweg, lädt er Peter ein, seine Sicht vorzutragen, womit ein neuer Gesprächsabschnitt beginnt.]
     Peter legt zunächst dar, was eine Renovierung, die im Sinn seines Bruder erfolgte, kosten würde: Geld, Zeit, Schließung des Bads; die Folge davon wäre, dass die Stadt wirtschaftlich ruiniert wäre, und zwar durch Tomas‘ Initiative (bis 39/33). [Mit seiner Frage an Peter, was nach dessen Meinung denn geschehen soll, wird ein neuer Abschnitt eingeleitet.]
     Von Tomas aufgefordert legt Peter seinen eigenen Plan dar. Er begründet seine Vorschläge damit, dass die Situation im Bad nicht so schlimm ist, wie Tomas sie darstellt; er fordert von Tomas als Arzt, Vorkehrungen gegen Erkrankung zu treffenn, und kündigt dann ganz unbestimmt kleine Verbesserungen an (bis 40/17).
     Dabei will Tomas aber nicht mitmachen, was er im nächsten Abschnitt des Gesprächs entfaltet: Zuerst bewertet er Peter Vorhaben als „Betrug“ und „Lüge“ (40/22), ja sogar als „Verbrechen an der Allgemeinheit“ (40/22 f.); dann wirft er seinem Bruder vor, er wolle nur seinen alten Fehler nicht zugeben, sperre sich also aus Gründen persönlicher Eitelkeit gegen die Renovierung (bis 40/35).
     Im letzten Abschnitt dieses Gesprächs(teils) gibt Peter den Vorwurf indirekt zu und bittet darum, mit Rücksicht auf ihn die Sache diskret zu behandeln (bis 41/13); das lehnt Tomas ab, weil es nicht mehr möglich sei. Er schließt mit einer Drohung, er werde mit Hilfe der Presse die Verwaltung zwingen, ihre Pflicht zu tun (bis 41/23).
     Damit ist dieser erste Teil des Gesprächs beendet; es folgt eine politische und persönliche Auseinandersetzung der beiden, die zu heftigem Streit und Handgreiflichkeiten führt.
     Peter leitet nach einem Zögern (!) zu seiner Forderung über, die er an seinen Bruder zu stellen gedenkt (ab 42/30); vorher macht Peter deutlich, was er für Tomas getan hat. Er macht seinem Bruder persönliche Vorwürfe (ab 42/6), die dieser jedoch zurückweist und mit einem Gegenvorwurf beantwortet. Auch zeigen sich neben diesen persönlichen Aspekten drungsätzuliche politische Differenzen zwischen den beiden (42/17-24).
     Dann trägt Peter seine Forderungen an Tomas vor: Die Probleme diskret zu behandeln, die Gefahren herunterzuspielen und „Vertrauen“ in die Kurverwaltung zu dokumentieren (ab 43/30). Tomas lehnt das alles empört ab; dann trägt Peter den Streit in die juristische Sphäre, als Vorgesetzter verbietet er Tomas jede Äußerung in Sachen der Wasserverschmutzung - der Streit wird immer heftiger (bis 45/8).
     Als Petra und ihre Mutter hinzukommen, wird der Streit unterbrochen, aber Tomas greift das Stichwort „verbieten“ wieder auf, worauf Peter ihm mit der Entlassung droht;
er will ihn über die Vorsorgepflicht für die Familie erpressen. Darauf wird der Streit ganz heftig: Der Vorwurf der totalen „Lüge“ steht gegen „Feind der Gesellschaft“, Tomas geht nun wirklich auf Peter los, dieser verlässt das Haus (bis 47/4). 

Ergebnis des Gesprächs: Peter wollte Tomas von seinem Vorhaben, das Kurbad komplett zu renovieren, abbringen; das ist ihm weder durch Hinweis auf die Kosten noch durch persönliche Appelle und Drohungen gelungen. Tomas glaubt sich von der Presse unterstützt und will an die Öffentlichkeit gehen. Der Streit hat sich zugespitzt und über die sachliche Seite hinaus auch persönliche und politische Bedeutung gewonnen.

Wenn erst diese Gesprächsabschnitte richtig erfasst sind, also das Gespräch grob analysiert ist, ist die Hauptgefahr gebannt, dass die Schüler bei irgendwelchen einzelnen Äußerungen hängen bleiben und den roten Faden des Gesprächs verlieren. In den bezeichneten Abschnitten erkennt man, wer jeweils das Gespräch bestimmt und was er dabei „tut“; wenn das klar ist, kann man die einzelnen Abschnitte noch detaillierter untersuchen.
     Wichtig ist also, auf Signale im Text zu achten, welche anzeigen, dass ein neuer Abschnitt beginnt: etwa wenn das Thema wechselt oder ein anderer Sprecher in den Vordergrund tritt.

Übersicht III
Zunächst scheint Tomas, der „Krieg“ führen will, zum Erfolg zu kommen (bis (57/35); doch wird schon deutlich, dass seine Mitstreiter wesentlich an ihren eigenen Nutzen in diesem Kampf denken (55/13 f.). Eine Wende deutet sich an, als Petra Hovstad vor den Kopf stößt, ihre Mitarbeit bei der Übersetzung verweigert und ihn als Mann zurückweist (bis 61/18). Der Amtsrat erscheint und zieht Aslaksen und dann auch Hovstad auf seine Seite (bis 66/5); damit ist die Entscheidung gegen Tomas gefallen.
     Als er erneut erscheint, wird er zunächst hingehalten; seine Frau versucht vergeblich ihn zurückzuhalten (bis 69/7), Tomas findet Hut und Amtsstab des Stadtrichters und wähnt sich als Sieger (bis 69/31). Als dieser auftaucht, bekommt Tomas von der Zeitung eine offene Absage und gibt die Amtssymbole wieder ab; Peter dagegen hat seine eigene Erklärung für die Zeitung vorbereitet und bringt sie auch dort unter - Tomas ist ohne jede Chance, die Öffentlichkeit zu erreichen, nur Katrin tritt jetzt an seine Seite (bis 73/25). Tomas will den „Kampf“ (73/19) jedoch aufnehmen, womit das Thema der nächsten Akte vorgegeben ist: eine Familie gegen die ganze Stadt.

Eine Szenenaufteilung stelle ich mir ungefähr so vor:
50/4 - 51/26;
*** - 55/14;
*** - 56/34;
*** - 57/35;
*** - 61/18: Petra weist Hovstad zurück;
*** - 63/8;
*** - 66/5: Aslaksen und Hovstad laufen zum Stadtrichter über;
*** - 69/7;
*** - 69/31 Tomas wähnt sich als Sieger, obwohl er offenkundig verloren hat;
*** - 73/25 Nur Katrin steht noch zu ihm.


Figurenrede im Drama: Petra - Hovstad (S. 58-61) 
Hovstad, der auch privat bei Stockmann verkehrt (S. 6, 80), hat mit dem Arzt zur Sanierung des Bades den politischen Kampf gegen die Stadtverwaltung aufgenommen und diesen sogar noch aufgestachelt (S. 29 ff.); er bereitet einen kritischen Aufsatz des Arztes zur Veröffentlichung vor (S. 51), hat aber bei allen Aktionen durchaus seinen Vorteil im Auge (S. 51 und S. 55). Billing hat ihn gerade darauf hingewiesen, dass Petra eine mögliche Geldquelle für die Stabilisierung des „Volksboten“ ist (S. 57).
     Petra ist bisher nur kurz aufgetreten (S. 16; 36; 47). Sie ist oft in Eile; sie verachtet unaufrichtiges Handeln und verehrt die Offenheit ihres Vaters bedingungslos. Im Gespräch mit Hovstad ist Petra kurz angebunden; sie kommt offensichtlich überraschend und will sich nicht setzen, obwohl sie höflich begrüßt worden ist (S. 58). Sie unterbricht Hovstad öfter, vermutlich weil sie in Eile ist (vgl. S. 16). Ihr Anliegen, das sie in die Redaktion geführt hat, ist ihr anscheinend auch peinlich: Sie hat Hovstad zugesagt, eine englische Erzählung für den „Volksboten“ zu übersetzen, lehnt diese Bitte jetzt aber ab (S. 58). Sie begründet ihre Entscheidung mit dem irrationalen, also für den aufklärerischen „Volksboten“ unpassenden Inhalt der Erzählung.
     Hovstad sucht ihre Bedenken und dann auch ihre Argumentation zu entkräften, indem er auf den Publikumsgeschmack hinweist und zeigt, wie diese Erzählung als Köder im politischen Meinungskampf verwendet werden könnte (S. 59). Als Petra ihre Abneigung gegen die unaufrichtige Politik, die aus dieser Argumenation spricht, heftig bekundet („Pfui“, S. 59), wälzt er die Verantwortung für dieses politische Kalkül auf Billing (S. 59, vgl. S. 19).
     Damit beginnt ein neuer Abschnitt des Gesprächs, in dem Hovstad das Thema bestimmt: Er setzt Billing herab, in dem er vielleicht einen Konkurrenten um Petras Gunst sieht (S. 57; vgl. S. 18 f.); er schaut sie jedenfalls bei diesem Thema eindringlich an (S. 59, Regieanweisung) und sucht zu erkunden, wie sie Billing einschätzt. Als Petra unsicher antwortet, setzt er die „Zeitungsfritzen“ ins-gesamt herab („taugen nicht viel, meine Liebe“), vermutlich um von Petra das Gegenteil bestätigt zu bekommen (S. 59). Petra tut ihm auch diesen Gefallen, aber mit einer anderen Blickrichtung als er: Sie spricht vom edlen Kampf für das Recht ihres Vaters, durch den Hovstad geadelt würde, nicht von ihm selber.
     Dieses Entgegenkommen nutzt Hovstad, um Petra vorsichtig seine Zuneigung auszudrücken: Vor allem ihretwegen unterstütze er ihren Vater (S. 60); er spricht sie auch direkt mit dem Vornamen an. Petra reagiert jedoch heftig und macht Hovstad den Vorwurf, unaufrichtig zu sein. Da hier ihr fanatischer Wahrheitswille durchbricht (wie bei der Frage, was die Zeitung veröffentlichen soll, S. 59), sieht sie ihren Vater getäuscht, obwohl sie sich als Frau geschmeichelt fühlen könnte; vielleicht mag sie aber Hovstad auch nicht besonders - das passte dazu, wie kurz sie vorher angebunden war - und benutzt die „Unaufrichtigkeit“ des Redakteurs, um ihm deutlich einen Korb zu geben.
     Als Hovstad versucht, sie zu beschwichtigen, indem er an sie als Frau appelliert (S. 60), bleibt sie bei ihrer heftigen Ablehnung und steigert diese noch: Hat sie zuerst gesagt, sie glaube ihm kein Wort mehr, so kündigt sie jetzt sogar an, sie werde ihm diesen Betrug nie mehr verzeihen - sie wiederholt sich sogar: „niemals!“ (S. 61). Hovstad ist persönlich getroffen („mit solcher Härte“) und weist sie beinahe drohend darauf hin, dass ihr Vater seine Unterstützung im bevorstehenden Kampf braucht (S. 61). Petra sieht sich dadurch erpresst und drückt zornig aus, wie sehr sie Hovstad verachtet („Pfui Teufel!“, S. 61).
     Hovstad versucht zum Schluss, sie noch zu beschwichtigen, und fleht sie regelrecht an, ihm zuzuhören; aber das nützt nichts, sie schlägt voll Sarkasmus vor, er könne das Buch ja einem anderen zu übersetzen geben, und geht.
     Im Gespräch hat sich erstmals gezeigt, dass Hovstad als Mann Interesse an Petra hat; vielleicht hatte er ihr deshalb auch die Erzählung, die er nicht kannte, zu übersetzen angeboten (vgl. S. 19!). Aber er ist offensichtlich ohne Chancen bei ihr; sie verabscheut sein politisches Taktieren und versteht sich auffällig als Tochter ihres Vaters („sowohl Vater als auch mich zum Narren gehalten“, S. 60). Vielleicht hat Hovstad aber hauptsächlich Interesse an ihrem Erbe (vgl. auch S. 113 f.) und sieht sich vor allem in seinen beruflichen Spekulationen enttäuscht (vgl. S. 56 f.). Als der Amtsrat dann die Redaktion betritt, hält Hovstad sich zunächst zurück, ergreift aber nach Aslaksen bald die Partei des Amtsrats in dessen Kampf gegen Tomas (S. 65). Dass Petra ihn zurückweist, hat Hovstad gekränkt und trägt vielleicht dazu bei, dass er so schnell das Lager wechselt.                                      


Der Besuch des Amtsrichters in der Redaktion
der „Volksnachrichten“ bringt die Wende des Geschehens (S. 61 ff.).
     Peter ist im Streit mit Tomas, ob dessen Entdeckung, dass das Bad verseucht ist, in die Öffentlichkeit kommen soll. Tomas hat Aslaksen und Hovstad auf seiner Seite, was Peter weiß (41/21 ff.). Peter will die Veröffentlichung der Untersuchung verhindern (vgl. 45/25 f.) und geht zu diesem Zweck in die ihm verhasste (vgl. S. 7) Redaktion.
     Zunächst nähert er sich durch freundliche Worte (61/34; 62/1 usw.) dem Redakteur Hovstad an und deutet durch Klagen und Anspielungen den Zweck seines Kommens an (62/9 und 13); Hovstad weicht aus und spielt den Dummen (62/11 und 15 usw.; 62/34 f., als er direkt gefragt wird). Aslaksen ist etwas offener (62/30 f.) und rechtfertigt seine Mitarbeit (63/3 f.), wobei der Amtsrat „verständnisvoll“ mitspielt - bei Hovstad konnte er zunächst nicht landen.
     Deshalb wendet der Amtsrat sich ausdrücklich an Aslaksen (ab 63/9), lobt ihn (63/12 f.) und leitet dann ironisch den Angriff ein, indem er die Aslaksen doch sicher bekannte Opferbereitschaft der kleinen Leute lobt (63/24 ff.). Da Aslaksen nichts versteht und verwundert nachfragt, was gemeint ist (63/27 u.ö.), enthüllt Peter schrittweise, dass für die hohen Kosten der Renovierung des Bades, wenn sie nach den Vorstellungen des Badearztes vorgenommen werden soll (64/4 f.!), eine neue Steuer von der Bürgern erhoben werden müsse. Hovstad steht erschrocken auf und versucht zu widersprechen (64/10 f.), ebenso Aslaksen (64/12 f. und 16. f.) - aber Peter bleibt hart und stellt seine Sicht als die einzig mögliche dar (bis 64/22).
     Was Alaksen durch seine Nachfrage (64/19) bereits angedeutet hat, geschieht jetzt: Er knickt ein, Hovstad stimmt ihm zu (64/23 ff.). Peter übernimmt als Sieger nun ganz das Gespräch und kündigt eine Schließung des Bades für zwei Jahre an (64/26 ff.), welche er mit Tomas‘ Untersuchung begründet (65/1 ff.), die er aber zugleich als falsch hinstellt („einredet“, 66/2). Aslaksen greift begierig das Stichwort auf (65/5) und übt nun direkte Kritik an Tomas (unverantwortlich, 65/8) und auch an Hovstad (65/14 f.).
     Peter nutzt seinen Sieg und bringt seine Gegendarstellung ins Gespräch (65/16 ff.), die Hovstad zu drucken bereit ist - da wird das Gespräch dadurch unterbrochen, dass Tomas kommt (65/24 ff., vgl. S. 51 ff.), wobei die drei neuen Verbündeten im Verbergen des Amtsrichters bereits schön zusammenspielen.
     Peter, der die Schwäche Aslaksens erkannt und ausgenutzt hat, hat sein Ziel erreicht: Tomas‘ Untersuchung wird nicht gedruckt; Tomas steht in der Stadt allein und wird in der Versammlung (IV) zum Volksfeind erklärt werden. Das Geschehen hat sich gewendet, Tomas zieht im Streit mit Peter den Kürzeren. Dass Hovstad mitzieht, liegt vielleicht auch daran, dass Petra ihn zurückgewiesen hat (S. 60 f.).


Ein Volksfeind IV - kurze Übersicht
Im „Volksboten“ (75/1 f., statt „Volksnachrichten“: schlampige Übersetzung) ist Tomas am nächsten Tag verurteilt worden; am Abend des Tages wird eine große Versammlung im Haus Kapitän Horsters gehalten, auf der Tomas sprechen will.
     Nach einem Vorspiel, wo Bürger sich äußern (bis 76/21), kommen die ersten Störmanöver: Aslaksen wird Versammlungsleiter, Peter will Tomas überhaupt nicht (über das Bad) reden lassen, Hovstad bricht öffentlich mit Stockmanns - sie alle haben es nötig, sich zu rechtfertigen. Tomas kündigt ein anderes Thema an (80/35 ff.) und bekommt das Wort (81/13 f.).

In einer großen Rede will er begründen, wieso die Quellen des geistigen Lebens vergiftet sind (82/5 f.) und die bürgerliche Gesellschaft auf dem Boden der Lüge aufgebaut ist (82/6 ff.). Das belegt er, indem er hinweist
- auf die Dummheit der hohen Herren (83/15),
- auf die Mehrheit als den Feind der Wahrheit und Freiheit (85/6 f.),
- auf die Vorpostenkämpfer (86/13), die als Minderheit Recht haben (86/5).
Es legt dar, nach welchen Gesetzmäßigkeiten Wahrheiten leben und vergehen (86/23 ff.) und wendet sich noch einmal mit Tiervergleichen (89/19 ff.) gegen die Allgemeinheit, die große Masse als minderwertige Größe.
     Persönlich greift er Hovstad, den vermeintlichen Freidenker (89/1 ff.), und seinen Bruder Peter (91/1 ff. und bereits 84/1 ff.) als unfrei und wenig vornehm an.

Aslaksen will ihm wegen des Tumultes und der Vorwürfe das Wort entziehen (92/23 f.), wodurch der Streit noch heftiger wird:
* Tomas will lieber seine Geburtsstadt untergehen als auf einer Lüge erblühen sehen,
* Hovstad nennt ihn einen Feind der Bürger,
* Tomas will notfalls das ganze Volk ausgerottet sehen (93/14 f.),
* er wird von der Menge zum „Volksfeind“ erklärt
* und stellt sich mit einer Jesuspose („ich sage euch“, 94/2, vgl. Mt 5,21 ff.; vgl. auch S. 96!) gegen die Masse der Bürger.
     Da wird ihm das Wort entzogen (94/3); es folgen Kommentare der Bürger, Morten Kiils (92/2 ff.) und des Schiffseigners Vik (95/17 ff.); in der  Abstimmung wird Tomas einhellig zum Volksfeind erklärt. Im Tumult und unter Drohungen der Menge geht Familie Stockmann ab.

Von rhetorischer Bedeutung sind einerseits die Tiervergleiche, anderseits die Heilandspose, in die Tomas Stockmann sich in seiner Überheblichkeit hineinsteigert
(94/2; 96/22 f. [dazu Mk 6,11] und 96/24 f. [dazu Luk 23,34]). Taktisch ist interessant zu sehen, wie die vereinigten Kämpfer Peter - Aslaksen - Hovstad ihren Gegner Tomas zuerst am Reden hindern wollen und ihn dann in der Abstimmung
mit Hilfe des Volkes besiegen.
     Die Äußerungen von Morten Kiil, Reeder Vik und Leuten aus dem Volk (ab 95/2) deuten auf den Niedergang Tomas Stockmanns voraus.

Kurze Übersicht über V
Die Szene ist Stockmanns vom Pöbel verwüstetes Arbeitszimmer, am Morgen nach der Bürgerversammlung. Es zeigen sich die Folgen der Abstimmung vom Abend vorher (bis 104/27): Alle werden entlassen; Tomas sieht sich als Märtyrer (98/22 f.), seine Frau versucht ihn etwas zurückzuhalten (100/22 f.; 104/13 u.ö.).
     Es folgt ein Gespräch zwischen Tomas und seinem Bruder (bis 108/32); Peter will ihn zunächst zum Widerruf bewegen und zu einem zeitweiligen Exil überreden (bis 106/35). Auf eine Randbemerkung Tomas‘ hin wirft Peter ihm vor, systematisch mit Morten Kiil zusammenzuarbeiten, um an der Krise des Bades zu verdienen; es kommt zum endgültigen Bruch zwischen den Brüdern.
     Danach kommt Morten Kiil, um Tomas zum Rückzug zu bewegen, indem er ihm droht, das für die Familie bestimmte Geld dieser zu entziehen (bis 112/16); später entscheidet Tomas sich gegen das Ultimatum des Schwiegervaters (116/23).
     Zum Schluss kommen Aslaksen und Tomas (bis 116/15): Sie bieten ihm die Unterstützung des „Volksboten“ gegen einen Kredit an und drohen, sein Vorgehen als mit dem Schwiegervater abgekartetes Spiel zu diffamieren; tomas verjagt sie.
     Zum Schluss bleibt die Familie auf sich gestellt: Tomas ist in seinem Selbstbewusstsein noch gestärkt worden und will den Kampf (117/7 ff.) als ein neuer Jesus mit zwölf Straßenjungen als Schülern (119/24 f.), die er mit seinen Söhnen zu freien Menschen erziehen will, fortsetzen. 

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